


Ich starte am Bahnhof von Dürnkrut. Klirrende Kälte liegt in der Luft, feiner Schnee fällt lautlos vom Himmel. Durch den stillen Ort marschiere ich vorbei am Schloss Dürnkrut. Hinter der Kirche steige ich bei den alten Weinkellern hinauf zu den Erdställen – jenen geheimnisvollen Gängen unter der Erde, deren Zweck bis heute Rätsel aufgibt.
Hier oben weiß man: Diese schmalen, nur kriechend passierbaren Tunnel wurden im Hochmittelalter angelegt. Keine Feuerstellen, kein Ruß, keine Spuren von dauerhaftem Aufenthalt – und doch sind sie da. Manche vermuten Zufluchtsorte in Zeiten von Überfällen, andere sehen in ihnen rituelle Rückzugsräume, Orte des Verschwindens und Wiederauftauchens. Wer sich hier hineinzwängt, verschwindet für einen Moment völlig aus der Welt. Vielleicht war genau das ihre eigentliche Funktion.
Der Weg führt weiter bergauf, immer geradeaus, bis ich die Hubertuskapelle oberhalb des Kirchenbergs erreiche. Hier halte ich mich rechts, überquere die Mistelbacher Straße und wandere durch winterlich kahle Weingärten hinauf zum Leidwein-Kreuz. Von hier öffnet sich der Blick weit über das Land – bis hinüber zu den Kleinen Karpaten jenseits der March. Heute wirkt alles friedlich, fast zeitlos.
Doch dieser Eindruck täuscht. Unten in der Ebene, zu der ich nun absteige, wurde Geschichte mit Gewalt geschrieben. An der Bernsteinstraße steht das große Schlachtendenkmal, das an die Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen im Jahr 1278 erinnert. Hier prallten zwei Weltbilder aufeinander: Ottokar II. von Böhmen, reich, mächtig, siegessicher – und Rudolf von Habsburg, politisch geschickt, aber militärisch zunächst unterlegen.
Die Entscheidung brachte ein Moment, der bis heute nachhallt: der überraschende Angriff der ungarischen Reiterei, die Rudolfs Heer unterstützte. Ottokars Reihen brachen, der König selbst fiel auf dem Schlachtfeld. Mit ihm endete nicht nur ein Leben, sondern eine Epoche. Aus dem Sieg Rudolfs erwuchs die Habsburgerherrschaft, die Österreich für mehr als sechs Jahrhunderte prägen sollte.
Ich folge nun dem Dreikönigsweg, mache aber einen weiten Bogen über die offenen Felder. Der Winterabend legt sich über die Landschaft, und kaum etwas erinnert noch an das einstige Getöse von tausenden Pferden, Waffen und Rüstungen. Eine Reiterin kommt mir entgegen und weist mir freundlich den richtigen Weg – ein stilles Echo der Geschichte, das mich schmunzeln lässt.
Durch einen schmalen Hohlweg oberhalb von Schloss Jedenspeigen gelange ich schließlich hinab in den Ort. Hinter mir liegen geheime Gänge unter der Erde und ein Schlachtfeld, auf dem Europa seine Richtung änderte. Vor mir nur Stille, Kälte – und das Gefühl, durch eine Landschaft gegangen zu sein, die mehr weiß, als sie preisgibt.






